
Gegen die Philosophie der Masse und den Overkill des Bunten
Dießen – Ein Massenblatt ist es sicher nicht, dessen erste Nummer am Wochenende im Taubenturm das Licht der Welt erblickte. Doch Der Greif gibt der Jugendkultur zwischen Landsberg und München neue Impulse.
Fotos und Gedichte nämlich sollen nicht mehr in der Masse irgendwelcher Internetforen untergehen, sondern aufwendig gedruckt erscheinen. Das traditionelle Medium bedingt wiederum die Beschränkung auf wenige, besonders ausgewählte Motive.
Diese Wiederentdeckung des Schauens haben sich Felix von Scheffer und Simon Karlstetter zum Ziel gesetzt. Hält man die erste Nummer des Greif in der Hand, so fällt die Großzügigkeit auf, mit der den Fotos Raum gegeben wird. Viele Bilder füllen ganze Seiten, und die sind noch dazu nur in den Grundfarben weiß oder schwarz hinterlegt. Somit trifft der Greif eine klare Absage »an die Philosophie der Masse und an den Overkill des Bunten«. Sparsam verteilt und kurz gehalten sind auch die Wortbeiträge, die überwiegend der Lyrik entspringen.
Doch natürlich stehen die Fotos im Vordergrund, denn ihre Bildwirkung ist es, welche dem Greif seine Besonderheit verleiht. Zu sehen gibt es scheinbare Filmstills aus Trashfilmen, verstörend kühle Architekturdetails und ungewohnte Farbeffekte – etwa die changierenden Himmelstönungen im Gewirr von Eisenbahnfahrdrähten oder die schreiend hervorstechende Neonfarbe von Dekontaminationsanzügen. Humoristisch ist der böse Kontrast einer ramponierten Frauenpuppe vor einem Ladengeschäft namens »OstMann«. Sarkastisch nennt der Fotograf seine Aufnahme »Ostfrau«.
Als angehendem Kommunikationsdesigner liegt Karlstetter die grafische Note. Einmal hat der Greif-Gestalter sie sogar genutzt, um den Schlagschatten eines Flugzeugflügels über den weißen Seitengrund zu verlängern. »Wir wollen, dass die Fotos voll zur Geltung kommen und der Betrachter dadurch einen anderen Blick auf die Bilder bekommt,« erläutert der Augsburger FH-Student, der in Landsberg aufgewachsen ist. Auch Chef-Herausgeber Felix von Scheffer hat seine Wurzeln am Ammersee, wo er in Lachen aufgewachsen ist. Was lag da näher, als den lokalen Ansatz auch in der Fotozeitschrift beizubehalten. Die wurde in Inning gedruckt und erreicht ihre Finanzierung nicht über Werbeanzeigen, sondern über Sponsoren aus der Region. Zu diesen zählte auch der Heimatverein, der einen Zuschuss gab und den Taubenturm kostenlos zur Präsentation zur Verfügung stellte.
Das ehrwürdige Gemäuer hatte an den Greif-Tagen ein ausgefallenes Dekor erfahren. Im ersten Stock hatte der Turm eine konkave Rückwand erhalten, die mit den Druckplatten der Erstnummer behängt war. »Die werden am Ende der Aktion meistbietend versteigert«, kündigten die beiden an. Die Einnahmen der ersten Nummer sollen den Druck der zweiten finanzierten.
Bald werde dazu die Website www.dergreif-online.de erreichbar sein, worauf man die Kontaktdaten zum Einschicken neuer Fotos ersehen könne. Eine Party zur Publikation ist Teil des Konzepts. »Sich echt zu treffen ist besser, als nur in Internetforen zusammenzukommen«, erläuterte Felix von Scheffer. Sprach’s und griff zur E-Gitarre, womit er die feierlustige Menge mit dem Chiemsee-Musiker »Angela Aux« unterhielt.
Der Greif ist für sechs Euro in der Kinowelt Dießen und demnächst auch in ausgewählten Zeitschriften-Läden am Ammersee-Westufer erhältlich.
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