
Schonungsloser Blick durch den Sucher
»Der Greif« erscheint zum zweiten Mal und zeigt dokumentarische Bilder von Ammersee-Fotografen
Vor einem Jahr erschien zum ersten Mal eine Zeitung, die inhaltlich und optisch sofort die Wirkung auf sich zog: »Der Greif« ist eine großformatige, auf mattem Papier gedruckte Kulturzeitschrift, die fast ausschließlich aus Fotografien besteht. Entstanden aus der Eigeninitiative der beiden jungen Künstler Felix von Scheffer und Simon Karlstetter, bietet sie Fotografen aus der westlichen Ammerseeregion eine Plattform. Jetzt ist die zweite Ausgabe erschienen: 50 Seiten, prall gefüllt mit auffallenden, ideenreich inszenierten Fotografien von mehr als 40 Künstlern.
»Der Greif wurde umarmt, heftig, er hat sich weiter geöffnet«, heißt es im Editorial, »Spiellust und Feinschleifpapier trägt er in den Hosentaschen«. Spielerisch gestaltet ist das Layout, das immer mal wieder Bilder mit Texten, moderner Lyrik, freien Assoziationen und Gedankenspielen konfrontiert. So wie es das Editorial vorgibt: »Auf die grenzenlosen Möglichkeiten des digitalen Raums folgt die bewusste Besinnung auf das dörfliche Miteinander in realen Fluren: Netze knüpfen und flicken, gemeinsam nach besonderem fischen, würzen und wertschätzen und zusammen einverleiben.«
Da sind unendlich traurige Seelandschaften zu sehen, eine Berghütte im Winter in Schwarzweiß, eine triste südliche Stadtszenerie. »Betonblumen blühen auf harten Wiesen«, heißt es in einem Gedicht von Miriam Mone, und daneben sind zwei Bilder, eines zeigt eine müllübersäte Straße, in der die Rollläden vor Schaufenstern und Eingängen herabgelassen sind; ein anderes zeigt einen alten Mann auf den schmalen Balkonstreifen, der zwei Betonelemente eines Hauses optisch teilt. Bilder, die Geschichten erzählen: Vom Leben zwischen versiegelter Fläche und verwaister Landschaft.
Und immer wieder Menschen, mal als Porträt, mal in dokumentarischem Stil eingefangen. Ein am Ufer liegendes Paar. Eine Frau, die durch einen leeren U-Bahnhof hastet. Ein Junge im Trachtenhemd, der genüsslich grinsend mit den Lippen Zuckerwatte zerteilt. Oder gleich zu Beginn das alte Bauernpaar, das stolz einen Schimmel in seiner Mitte präsentiert: der größte Besitz.
Die Künstlerinnen und Künstler offenbaren in ihren Arbeiten eine meiste schonungslose, oft heitere bis ironische, immer aber sehr genaue Sicht auf die gegenwärtige Welt. Es macht Spaß, im neuen »Greif« zu blättern, und fast jede Seite möchte man sich gerahmt an die Wand hängen.
Sabine Zaplin
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