Landsberger Tagblatt vom 30.6.09
»Betonblumen blühen auf harten Wiesen…«
Dießen (smi) – »Betonblumen blühen auf harten wiesen und die luft schlägt falten in der hitze des tages…« (Miriam Mone). Die Melancholie des Vergänglichen dominiert Bilder und Texte in der zweiten Ausgabe des Fotomagazins »Der Greif«: Ukrainische und brandenburgische Industrieansiedlungen vor steppenhafter Landschaft, eine verfallene Gasse in irgendeiner Stadt mit geschlossenen Geschäftsrollos, eine abgeblätterte Werkstattfassade, eine Frau hastend in einem U-Bahn-Durchgang, eine Straße in Berlin. All diesen Bildern ist die Leere des Raumes, der Verfall der Örtlichkeit gemein, der Mensch hier mehr illustrierendes Beiwerk, denn Mittelpunkt und Ausdruck. Wo diese Räume verortet sind, lässt sich auf den ersten Blick schwer sagen und den Herausgebern sei Dank, dass die Bildbeschreibungen so klein gehalten sind, dass erst auf den zweiten Blick lesbar ist, woher die Aufnahme stammt. Zumeist ist nur mit dem Namen des Fotografen untertitelt, der Rest bleibt der Assoziation des Betrachters überlassen.
Fremden Bildern einen Rahmen geben
Vergänglich und verletzlich ist auch der Mensch: Das erste Abbild zeigt ein rumänisches Bauernpaar, die beide stolz ein Pferd am Zügel halten. Zwei schmutzige Klebestreifen halten das Foto fest auf einem vergilbten Papier. Gerade diese Randerscheinungen verstärken das Gefühl vom Vergehen der Zeit. Die Gestaltung und Zusammenstellung spricht für den künstlerischen Mut, aber auch die Sensibilität des Redaktionsteams, das sich erlaubt, fremden Bildern einen Rahmen zu geben und sie miteinander in Beziehung zu setzen, ebenso wie zu den ausgewählten lyrischen Texten.
Ein alter Mann sitzt in seiner Küche, halb nackt, der Körper hat längst Spannkraft und Konturen verloren und doch lässt ihm das Porträt seine Würde. Ebenso wie der Frau, die bekleidet nur mit einem Netzhemd mit eigentümlicher Intensität den Betrachter anblickt, ein schwarzes Huhn an ihrer Seite. Eine Darstellung, die an historische Frauenporträts erinnert. Einige Seiten weiter dann wieder die liebevoll-skurrile Abbildung eines Rentnerpaares an einem Hafenkai stehend, von hinten aufgenommen. Beim Blick auf die alte Lady in rosa Hose, Oberteil und Käppi mutet die Vergänglichkeit fast heiter an.
War die erste Ausgabe des Fotomagazins noch geprägt von Fotografen und Dichtern aus der Region, hat sich das Spektrum erweitert: Berlin, Hamburg, Wien, München, bis in die Schweiz reicht der Radius der Beiträge. »Wir sind mittlerweile zu fünft«, erzählt Simon Karlstetter, der den ersten Greif noch als Redaktionsduo mit dem Dießener Felix von Scheffer herausbrachte.
Aus 600 Bildern galt es auszuwählen
Der Name ist Programm bei diesem Fotomagazin, das übrigens ohne Werbung funktioniert: Bilder, die als digitale Daten versteckt auf privaten Festplatten lagern, sollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 100 Fotografen hätten an die 600 Bilder geschickt, erzählt Karlstetter. Ziel ist es auch, aus der Zusammenarbeit von Fotografen, Journalisten, Designern und Literaten ein Netzwerk zu spannen, ein Netzwerk des persönlichen Kontakts, auch die Kommunikation soll greifbarer werden. »Wir schaffen die Verbindung zwischen den Fotografen auch im realen Leben.«
Erhältlich ist »Der Greif« zum Preis von fünf Euro unter anderem bei Discy in Landsberg oder unter www.dergreif-online.de



